Frühkindliche Gruppenbetreuung – Auswirkungen auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern

Institutionelle frühe Förderung stellt eine wichtige Ergänzung zur elterlichen Erziehung dar. Sie kann insbesondere für Kinder aus bildungsfernen oder psychosozial benachteiligten Familien die Voraussetzungen schaffen, ihr vorhandenes Potential zu entfalten und Chancengleichheit herzustellen.

Die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren in Tageseinrichtungen (Krippen) verlangt Sensibilität, spezifische Fachkenntnisse und angemessene Rahmenbedingungen.

Die Stärkung der elterlichen Ressourcen zur Erfüllung ihrer Erziehungsaufgaben ist eine wichtige Aufgabe frühkindlicher Gruppenbetreuung.

Die Dauer der Tagesbetreuung für unter 3-Jährige sollte verantwortungsvoll festgelegt werden.

Umfangreiche wissenschaftliche Studien zeigen die Effekte frühkindlicher Gruppenbetreuung und belegen den wesentlichen Einfluss einer qualitativ guten Betreuung in Tagesstätten auf die kindliche Entwicklung.

Bindung:

Frühe Tagesbetreuung führt nicht zwangsläufig zu unsicheren Bindungsmustern zwischen Müttern und Kindern.

Im ersten Lebensjahr erhöht eine geringe Betreuungsqualität das Risiko für eine unsichere Mutter-Kind-Bindung.

Kognitive Entwicklung:

Die kognitive Entwicklung der Kinder war bei hoher Betreuungsqualität etwas besser als bei niedrigerer Qualität.

Die Dauer einer frühen Gruppenbetreuung stand bis zum Alter von 15 Jahren nicht mit der kognitiven Entwicklung in Beziehung.

Eine frühe Intensivbetreuung bei Hochrisikogruppen in Tagesgruppen einschließlich regelmäßiger Elternschulungen führte allerdings zu signifikanten kognitiven Verbesserungen der Kinder.

Ein langfristig positiver Effekt durch Kindergartenbesuch (ab 3 Jahre) auf die kognitive Entwicklung konnte nur bei hoher Betreuungsqualität nachgewiesen werden.

Soziale und emotionale Entwicklung:

Mit zunehmender Dauer der Gruppenbetreuung trat vermehrt expansives Problemverhalten auf.

Je mehr Stunden Kinder insgesamt in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten. Bei 15 Jährigen trat vermehrt impulsives und risikoreiches Verhalten auf. Diese Zusammenhänge waren unabhängig von der Qualität der Gruppenbetreuung.

Zusammenfassung: Effekte von Krippe und Kindergarten auf die Entwicklung von Kindern

 

 
Soziale und emotionale Entwicklung
Kognitive Entwicklung
 
Krippe             (< 3 Jahre)
Kindergarten
(3-6 Jahre)
Krippe             (< 3 Jahre)
Kindergarten
(3-6 Jahre)
Dauer
leicht negativ
Ohne Effekt bis leicht negativ
Ohne Effekt
positiv
Qualität
Ohne Effekt
positiv
leicht positiv
positiv

Stress

Das normale Tagesprofil des Stresshormons Kortisol (hoher Spiegel morgens, deutlicher Abfall abends) fehlt bei gruppenbetreuten Kindern häufig oder ist umgekehrt mit ansteigenden Spiegeln im Tagesverlauf. Dies gilt auch bei hoher Betreuungsqualität. Die Kortisol – Tagesprofile waren umso auffälliger, je jünger die untersuchten Kinder waren. Bei 15 – Jährigen mit zeitlich bedeutsamer Gruppenbetreuung in den ersten 3 Labensjahren waren die morgendlichen Kortisolspiegel deutlich erniedrigt.

Die Interpretation und Bedeutung der Befunde ist nicht klar. Manche werten sie als Hinweis darauf, dass frühe Gruppenbetreuung die Regulation des Stresshormons Kortisol bedeutsam und dauerhaft beeinflusst. Es ist unklar, ob oder wie derartig veränderte Kortisolspiegel Gehirnentwicklung und Verhalten der Kinder beeinflussen.

Unstrittig ist, dass chronischer Stress durch Trennungen sich in subtilen Verhaltens- und Gemütsveränderungen äußern kann. Diesen durch geeignete Abläufe (z.B. angemessene Eingewöhnungsphase, Konstanz von Personen, Gruppen und Situationen) möglichst vorzubeugen bzw. sie sensibel zu erkennen und darauf einzugehen, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe für qualifizierte Erzieherinnen.

Körperliche Gesundheit:

Kinder mit früher Gruppenbetreuung haben im frühen Alter – meist vorübergehend – erhöhte Raten von

  • infektiösen Erkrankungen (Mittelohrentzündung, Infekte der Luftwege, Magen-Darm-Infekte).
  • Übergewicht / Adipositas
  • Neurodermitis
  • Chronische Kopfschmerzen.

Kinder mit besonderen Bedürfnissen:

Kinder mit frühkindlichen Regulations-, Entwicklungs- oder Verhaltensstörungen sowie Behinderungen bzw. mit Verdacht auf entsprechende Störungen sollten vor der Entscheidung über eine Krippenbetreuung und ggf. im Verlauf ausführlich entwicklungsneurologisch, – psychologisch und heil- bzw. sonderpädagogisch untersucht werden, um Kind, Eltern und Einrichtung auf die besonderen Bedürfnisse bestmöglich vorzubereiten und im Verlauf zu begleiten.

Ausmaß der Einflüsse und Bedeutung für die Gesellschaft:

Die in den verschiedenen Studien gemessenen Effektstärken waren in der Regel gering oder moderat. Das bedeutet, dass die Effekte früher Gruppenbetreuung auf die untersuchten gesundheitlichen -, Entwicklungs- und Verhaltensaspekte beim einzelnen Kind in der Regel gering oder mäßig ausgeprägt waren. Viele andere Einfluss – Faktoren müssen beim einzelnen Kind mit gesehen werden.

Es muss auf der anderen Seite bedacht werden, dass sich in Gruppen von Kindern und Jugendlichen in Kindertagesstätte, Schule oder Freizeit kleine Veränderungen bei mehreren Individuen addieren, ggf. sogar weiter verstärken können. Damit kann die Belastung für Eltern, Erzieher, Pädagogen und anderes Fachpersonal deutlicher ansteigen, als dies die beim einzelnen Kind relativ geringen Veränderungen erwarten lassen würden.

Zitiert nach:

Böhm R: Auswirkungen frühkindlicher Gruppenbetreuung auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern. Kinderärztliche Praxis 82, 316-321, 2011

Heinrich J, Koletzko B (2008): Kindergesundheit und Kinderbetreuung bei unter 3-Jährigen, Monatsschrift Kinderheilkunde 156, 562-568

Horacek U, Böhm R, Klein R, Thyen U, Wagner F: Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) zu Qualitätskriterien institutioneller Betreuung von Kindern unter 3 Jahren (Krippen). http://www.dgspj.de/media/Stellungnahme-Krippenpapier-Lang.pdf

Autor:

Prof. Harald Bode, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Sozialpädiatrisches Zentrum und Kinderneurologie, Frauensteige 10, 89077 Ulm

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