Elektronische Medien im Vorschulalter

Der Alltag von Kindern wird heute wesentlich durch elektronische Medien geprägt. Fast alle Kinder in Deutschland haben zu Hause Zugang zu einem Fernseher und zu Computern mit Internetanschluss. In vielen Haushalten gibt es eine Spielkonsole bzw. Playstation. Bereits Babies und Kleinkinder wachsen mit Kinderliedern und Geschichten von Kassetten und CD’s auf.

Kleinkinder erlangen im Umgang mit elektronischen Medien auf spielerische Weise erstaunliche Fähigkeiten. Etwa 40% der 6-23 Monate alten Kinder können einen Fernseher selbst einschalten und Programme mit der Fernbedienung umschalten, etwa 40% der 2-3-Jährigen ein Video oder eine DVD selbstständig einlegen. Viele Kinder übertreffen frühere Generationen im Umgang mit Medien bei Weitem. Der kompetente Umgang mit Medien gehört heute wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu den erforderlichen Kulturtechniken. Vor- und Nachteile elektronischer Medien werden in der Öffentlichkeit und von Fachleuten kontrovers diskutiert. Übermäßiger Medienkonsum ist unstrittig schädlich.

Die virtuelle Welt der Medien kann biologische, neurobiologische, psychologische und soziale Folgen haben und die körperliche, geistige und seelische Gesundheit von Kindern beeinflussen. Kleinkinder sind nicht in der Lage, Realität und Fiktion z.B. bei Filmen zu unterscheiden. Folgen erhöhten oder unangemessenen Medienkonsums bei Kindern können Schlafstörungen, Essstörungen, Bewegungsmangel, Hang zur Selbstüberschätzung, eingeschränkter Realitätsbezug, soziale Isolierung, Störungen der Aufmerksamkeit, Sprache oder Motorik, Hyperaktivität, Lern- und Leistungsstörungen, Schulversagen, internalisierende oder externalisierende Störungen u. a. m. sein. Das Risiko für Übergewicht bei Kindern, die mehr als vier Stunden am Tag fernsehen, ist fast dreimal so hoch wie das Risiko der Kinder, die weniger als zwei Stunden am Tag vor dem Fernseher sitzen. Kinder, die ein eigenes Fernsehgerät im Zimmer haben, sind besonders gefährdet, später dick zu werden. Kinder aus Migranten- und Unterschichtfamilien stellen eine besondere Risikogruppe dar, da in diesen Familien überdurchschnittlich viele Medien konsumiert werden. Die Folgen von überzogenem Medienkonsum im frühen Kindesalter sind nur schwer zu korrigieren.

Problematisches Nutzungsverhalten von Kindern zeigt sich bei:

  • Mediennutzung / Computerspiel zum Abbau von Stress oder negativen Gefühlen
  • Unwiderstehlichem Verlangen nach und gedanklicher Vereinnahmung durch Medien wie Fernsehen oder Computer
  • Fehlender Kontrolle über die Dauer der Nutzung
  • Einschränkung von sozialen Kontakten (Freundschaften, Familie, Hobbies)
  • Abfall schulischer Leistungen
  • Vernachlässigung von Ernährung, Körperhygiene, Schlafmangel
  • Psychischen Entzugserscheinungen wie Unruhe oder Traurigkeit

Wegen der unerwünschten Folgen von Fernseh-/Medienkonsum für die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern ist Medienerziehung eine wichtige Erziehungsaufgabe. Eltern und Erzieher können und sollen dabei eine Vorbildfunktion haben. Die Entwicklung von Medienkompetenz ist dabei entscheidend.

Digitale Medien sollten in der Kita bei unter 3-jährigen Kindern nicht zum Einsatz kommen, bei 3-6-Jährigen allenfalls sehr dosiert und unter Kontrolle (z.B. lehrreiche Videofilme). Erzieherinnen sollten offen sein für Gespräche mit Kindern in der Kita über deren konkrete Medienerfahrungen, diese aber nicht befördern. Erzieher sollten im Beisein von Kinder in der Kita den eigenen Mediengebrauch (z.B. Smartphones) auf das unbedingt erforderliche einschränken (Vorbildfunktion).

Kinder sollten lernen, sich vor Medieneindrücken zu schützen, deren Einfluss auf ihre Stimmungen erkennen, sich bedürfnis- und interessengemäß zwischen Medien und Medienprodukten entscheiden und über ihre Medienerfahrungen mit Eltern oder Erziehern sprechen.

Regeln, die den Fernseh- und Medienkonsum von Kindern begrenzen und regulieren:

  • Kinder unter drei Jahren sollten überhaupt nicht fernsehen.
  • Digitale Medien sollten in der Kita bei Kindern unter drei Jahren nicht zum Einsatz kommen.
  • Bei Kindern von drei bis sechs Jahren sollte die Fernsehzeit höchstens zweimal 30 Minuten am Tag betragen, im Grundschulalter 60 bis 90 Minuten.
  • In den ersten zehn Lebensjahren gehört kein eigener Fernseher ins Kinderzimmer.
  • Geschenke, die den Medienkonsum steigern, sollten gründlich überdacht werden.
  • Für Grundschulkinder kann ein Handy sinnvoll sein, ein Smartphone ist nicht notwendig.
  • Eltern sollten so lange wie möglich Kenntnis über und Interesse an den Medienaktivitäten ihrer Kinder haben und mit diesen über Auswahl, Inhalte, Nutzen und Risiken kommunizieren.
  • Finanzielle Belastungen von Kindern und Jugendlichen durch Mediennutzung ist durch geeignete Maßnahmen zu begrenzen.
  • Eltern sollten als Vorbilder ihren eigenen Medienkonsum einschränken und Medienkompetenz erwerben.
  • Eltern und Erzieher sollten vielseitige Aktivitäten der Kinder als Alternativen zum Medienkonsum fördern und gemeinsam mit diesen praktizieren.
  • Detaillierte Hinweise zur Mediennutzung und -erziehung liefert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA).

Gute Ganztagseinrichtungen und sinnvolle alternative Freizeitaktivitäten (z. B. Sport, Musik, kreative Gruppen) sind Möglichkeiten, übermäßigen und schädlichen Medienkonsum einzudämmen.

© Harald Bode
modifiziert nach: Bode H, Straßburg HM, Hollmann H (Hrsg.): Sozialpädiatrie in der Praxis, 2. Auflage, 2014

One Response

  1. BlogArena » Blog Archive » Jung, online, kompetent: Die neue Generation im Netz
    BlogArena » Blog Archive » Jung, online, kompetent: Die neue Generation im Netz / 11-1-2014 / ·

    […] Natur spielen. Diese Empfehlung ergibt durchaus Sinn, denn Kleinkinder sind noch nicht in der Lage, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Frühkindlicher Medienkonsum kann zu eingeschränktem Realitätsbezug und […]

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.